Vor einiger Zeit reichte ich an der Uni diesen Vorschlag für ein Theaterstück ein. Er wurde mit deutlichen Worten abgelehnt. Zurecht.

In einem fernen Land lebt eine Katze in einer alten, verlassenen Burg. Wie so häufig geht die Katze eines Tages auf den Feldern Mäuse jagen, da sich die Bauern stets mit Milch bedanken. Da die Katze eine Katze ist, trinkt sie die Milch allerdings nicht, sondern setzt sich daneben und miaut. An diesem Tag aber flitzt eine Maus in den dunklen Wald neben der Burg ‒ und die Katze hinterher. Die Maus schlägt ein paar Haken, ist auf einmal weg und die Katze steht alleine im dunklen Wald. Die Katze, das muss man wissen, putzt sich erstmal, denn Prioritäten sind wichtig. Dann erst überlegt sie, wie sie wieder nach Hause kommt. Aber egal, wo sie hinläuft ‒ sie findet den Weg nicht. Es bleibt dunkel im Wald, kein Licht zwischen oder über den Bäumen! Es wird immer kälter, die Katze wird hungrig und müde. Dann erspäht sie einen Vogel, der in den Bäumen sitzt: Der Vogel sieht auch nicht sonderlich gesund aus, zerfetztes Gefieder, Schulden, Augenringe ‒ das ganze Programm.
Die Katze fragt: Kannst du mir sagen, wie ich hier rauskomme? Also aus dem Wald?
Der Vogel: Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin ein Vogel. Demnach kann ich fliegen. Und wenn selbst jemand, der fliegen kann, nicht nach Hause findet, brauchst du es erst recht nicht versuchen.
Die Katze: Oha, das ist ein Problem. Was machst du jetzt hier so?
Vogel: Ich warte auf mein Ende, was denn sonst?
Katze: Wir könnten ja nach der Maus suchen. Moment ‒ wie bist du denn hier reingekommen?
Vogel: Naja, ich flog da so über die Felder bei der alten nach Katze riechenden Burg und dann kam auf einmal ein starker Windstoß und Schwupps, fiel ich in diesen Wald, in dem es jetzt auch verdächtig nach Katze riecht.
Katze: Ich rieche nichts.
Vogel: Das wäre auch wirklich eine Überraschung.
Katze: Hey, guck mal, ich habe da ein Loch im Boden gefunden ‒ da ist sicher die Maus rein. Ich wette, die Maus weiß, wie es hier rausgeht!
Der Vogel sieht das Loch nicht.
Katze: Für einen Vogel hast du wirklich schlechte Augen. Ich wette, du hast schon das ein- oder andere Fenster signiert.
Vogel: Fenster?
Katze: Das ist so’n Viereck in ’ner Wand, das dich auf einmal stoppt.
Vogel: Ja, das Problem kenne ich gut. Also, wo ist die Maus?
Katze: Na, hier!
Der Vogel hüpft vom Baum und blickt in die Richtung, in die die Katze zeigt. Die Katze macht einen Satz in seine Richtung, packt ihn mit den weichen Pfoten und muss sich nun eine Weile nicht mehr um den Hunger sorgen. Dennoch bleibt die Lage heikel: kein Licht, kein Wasser, keine Maus und jetzt auch noch kein Gesprächspartner mehr. Nach einigen Stunden Herumwandern macht sich der Durst deutlich bemerkbar, das Putzen des Fells ist nunmehr ein Kämmen des Fells, da das natürliche Shampoo fehlt. Auf einmal kommt eine Stimme aus dem Unterholz:
Warum trinkst du nicht den Tau von den Blättern morgen?
Es ist die Maus, sichtlich amüsiert und optisch in bester Verfassung.
Katze: Weil Tau nur dann entsteht, wenn Temperaturschwankungen die nächtliche Feuchtigkeit kondensieren lassen, du Genie ‒ und dafür braucht man Sonne! Hier ist keine Sonne. Genau deshalb haben Mäuse kein Wahlrecht.
Maus: Katzen aber auch nicht.
Katze: Doch, doch, hier, ich habe noch den Stempel an der Pfote von der letzten Wahl.
Maus: Wir leben doch im Mittelalter und haben noch gar keine Demokratie.
Katze: Katzen schon. Wir wählen alle 4 Monate!
Maus: Glaub‘ ich nicht!
Katze: Willst du den Stempel sehen?
Maus: Klar! Zeig her!
Katze: Wo bist du?
Maus: Das werde ich dir sicher nicht verraten, sonst ende ich wie der Vogel. Streck deine Pfote in dieses Loch da ‒ dann kann ich von unter der Erde einen Blick darauf werfen.
Die Katze tut, wie ihr befohlen ward und bereut sofort: Die Maus beißt ihr in die Pfote. Die Katze schreit, windet sich und bleibt reglos liegen. Die Maus bekommt irgendwie ein schlechtes Gewissen, eigentlich wollte sie der Katze nicht so sehr wehtun. Sie schleicht langsam aus ihrem Erdloch und prüft den Katzenpuls.
Maus: Warum ist ein Biss genug, um eine Katze zu erledigen?
Danach erleidet die Maus dasselbe Schicksal wie der Vogel und beweist damit, dass Gehirngröße doch ein Faktor ist.
Die Katze erhebt sich ‒ nun gestärkt von zwei guten Mahlzeiten ‒ und überlegt, wie sie nun am besten nach Hause kommt. Sie klettert auf einen Baum, so hoch es geht. Nichts zu sehen außer Blattwerk. Sie gräbt ein Loch, so tief es geht. Nichts zu sehen außer Mäusetunnel und Mäusekanalisation. Sie miaut so laut es geht ‒ niemand antwortet. Sie beginnt, in konzentrischen Kreisen die Umgebung zu durchforsten, kein Erfolg. Irgendwie kommt sie immer wieder an dieselbe Stelle. Nach einigen Tagen gibt sie schließlich erschöpft auf und schläft ein.
Katze, Vogel und Maus staunen aber nicht schlecht, als sie im körperlosen Zustand wieder in demselben Wald zu sich kommen. Unter sich sehen sie ein Katzenskelett, das wiederum das Skelett einer Maus und eines Vogels enthält. Da erinnern sie sich alle daran, dass die Katze die anderen beiden auf dem Gewissen hat. Der Katze ist das natürlich sehr peinlich ‒ sie hatte schlicht nicht damit gerechnet, sich ausgerechnet mit diesen beiden noch einmal unterhalten zu müssen.
Katze: Und… na? Sonst so?
Maus und Vogel: Wir hassen dich. Du bist eine Mörderin und Lügnerin! Und riechst komisch.
Katze: ICH RIECHE NICHT KOMISCH!
Maus: Hahaha, jetzt nicht mehr, bist ja auch ein Geist.
Vogel: Wisst ihr was ‒ ich hau jetzt ab.
Der Vogel fliegt davon und kommt zu seiner Überraschung stets wieder bei den anderen zwei heraus. Die anderen beiden lachen nun gemeinsam über den Vogel.
Katze zu Maus: Siehst du, der hat das kleinste Gehirn.
Katze zu Vogel: Nur, weil wir Geister sind, heißt das nicht, das wir gehen können. Der Wald lässt uns nie mehr frei. Wir sind so zu sagen nun Teil der Flora. Oder Fauna, whatever.
Vogel: Moment ‒ du meinst wir bleiben hier für immer?
Katze: Noch besser ‒ als Geister können wir nicht mehr sterben.
Vogel: Darauf habe ich allerdings nicht die geringste Lust!
Maus: Ich auch nicht – was machen wir denn jetzt?
Der Vogel gerät ein wenig in Panik ‒ warum auch nicht, immerhin ist das Schicksal, für immer in diesem Waldstück gefangen zu sein, schlimmer als der Tod ‒ er kann das bewerten, da er nun beides erlebt hat. Zudem nagt der Gedanke an ihm, dass Katze und Maus schlechte Gefährten für die Ewigkeit sein könnten.
Vogel: OH MEIN GOTTOGOTTOGOTTT NEINNNN OH NEINNN!
Maus: Du machst mich nervös. Gibt es wirklich nichts, was wir tun können?
Sie grübeln eine lange Zeit, niemand weiß genau, wie lange ‒ waren es 20 Minuten oder Monate? Ohne Biorhythmus und ohne Sonne kann man das schwerlich feststellen.
Schließlich schreit die Katze: ABHOLZUNG!
Der Vogel, der die gesamte Zeit weiterhin panisch im Kreis geflattert war, erschrickt und vergisst kurzzeitig seine Panik. Dann flattert er weiter im Kreis.
Die Maus: Vergiss nicht, dass wir drei Geistertiere aus dem Mittelalter sind. Wir wissen nicht, was Abholzung ist ‒ das gibt es erst in 500 Jahren. Zugegeben, es könnte dieser Geschichte etwas inhaltliche Tiefe verleihen, ich bin aber der Meinung, dass das ohnehin niemand lesen wird.
Katze: Warum denn nicht?
Maus: Ja, schau mal oben. Komplett sinnlose Geschichte.
Katze: Wollt ihr beiden denn nicht meine Idee hören, was wir machen sollen?
Vogel und Maus: Ja, lass hören – was machen wir jetzt?
Katze: Nichts.
Vogel und Maus: Nichts?
Katze: N-i-c-h-t-s.
Vogel und Maus tauschen einen verwirrten Blick aus. Den komischen Eigengeruch der Katzenknochen dort unten können sie ja glücklicherweise nicht mehr riechen ‒ wenn die Katze nun aber bis ans Ende aller Zeiten schlechte Witze macht, rückt das Ende aller Zeiten in alle Ferne.
Katze: Euren ausdruckslosen Visagen entnehme ich, dass ihr mich nicht verstanden habt.
Maus: Wir sind Tiere. Mimik ist da eher selten.
Katze: Ich meinte das im übertragenen Sinne ‒ ihr seht einfach nicht sonderlich aufgeweckt aus.
Der Vogel spürt wieder Panik in sich aufsteigen: Die Ewigkeit mit so einer Katze verbringen?
Die Maus ignoriert die Beleidigung und fragt endlich:
Also. Katze. Würdest. Du. Bitte. ENDLICHERKLÄRENWASDUMEINST?
Katze: Ich dachte schon, du fragst nicht mehr.
Maus und Vogel: RAUS DAMIT!
Katze: Haha, was ich meinte…
Die Katze macht eine dramatische Pause und kratzt sich am Unterbauch:
Abholzung. Seht ihr, in nicht allzu ferner Zukunft wird der Bedarf an Holz stark ansteigen. Um genau zu sein, befinden wir uns gerade im Mittelalter, die Pest war soeben da.
Maus: Warum schaust du mich dabei an?
Katze: Kein besonderer Grund. Egal, also. Wir haben das schonmal erlebt, in der Bronzezeit. Ja, also, was viele nicht wissen, ist, dass der Mensch schon früher Ökosysteme gemurkst hat, weil die brauchen Bronze um sich gegenseitig…
Vogel: Komm aufn Punkt, Katze.
Katze: Den offensichtlichen Witz lasse ich nun mal. Anyways, also der Mensch braucht viel Holz. Bald erfindet er die Dampfmaschine und dann geht es den Wäldern so richtig an den Kragen.
Maus: Ist mir völlig egal – dem Vogel auch. Wie kommen wir hier raus?
Katze: Gar nicht.
Der Vogel erhöht die Flattergeschwindigkeit und flucht auch schneller.
Maus: Du bist ne ganz üble Katze. Schau mal, wie es dem Vogel jetzt geht.
Katze: Ich habe nie gesagt, dass ich weiß, wie wir hier rauskommen. Ich habe lediglich gesagt, dass ich weiß, was wir tun sollen.
Maus: Naja, so richtig was vorgeschlagen…
Vogel: NICHTS NICHTS NICHTS NICHTS
Katze: Genau!
Die Maus schließt die Augen, denkt an ihre Familie und das Gute in der Welt: Hundewelpen, Schokoeis und Bluetooth-Kopfhörer. Das gibt ihr die Kraft, noch ein letztes Mal höflich und ruhig zu fragen:
Wie.meinst.du.das?
Katze: Ich dachte schon, du fragst nie. Also: Dieser magische Wald ist in ein paar Jahrhunderten weg! Egal, welcher Fluch auf diesen Bäumen lastet, er ist sicherlich nicht stärker als ein Timberwolf 9400 Holzvollernter und die Kapitalinteressen der Forsteigner!
Maus: Das ist ja schrecklich!
Vogel: DER NATÜRLICHE FEIND DES BAUMES IST DIE SÄGE!!!
Katze: Nein! (zur Maus) Ja! (zum Vogel)
Katze: Also, wenn wir nicht aus dem Wald rauskommen, dann muss eben der Wald weg. Versteht ihr?
Maus: OH MEIN MÄUSEGOTT DAS KÖNNTE KLAPPEN!
Vogel: (flattert im Kreis)
Katze (zufrieden): Wir müssen nur warten. In ein paar hundert Jahren ist das alles hier Weideland, eine Tankstelle, ein Heimwerkermarkt oder sogar ‒ ihr werdet lachen ‒ eine Baumschule.
Maus: Was ist eine Tankstelle und warum interessiert mich das von allen Begriffen am meisten, ich kenne ja die Zukunft nicht.
Katze: Das ist die Stelle für einen Tank.
Vogel: Was für ein Tank?
Katze: Vogel… sei einfach still. Also, wir warten jetzt 400 Jahre und dann sollte die Industrialisierung den Rest machen. Wald weg.
Maus: Mooooment – was passiert mit uns, wenn der Wald weg ist?
Katze: Ist doch egal, wir können nur gewinnen… entweder Wald weg und wir bleiben übrig oder Wald weg wir weg. Immerhin besser als ewiges Geistsein.
Maus: Ich bin einverstanden.
Vogel: Ich auch, ich auch, ich auchauchauch!
Katze (resigniert): Ich … ihr habt auch gar keine andere Wahl ihr Genies.
Nun also warten unsere drei Helden mehrere Jahrhunderte in ihrem Waldstück auf die Abholzung der europäischen Wälder. Sorgen machen sie sich vor allem wegen der Umweltbewegung ‒ was, wenn die Grünen ihre Flucht vereiteln?
Allerdings ‒ so lange sie auch warten in der Dunkelheit ‒ es passiert nichts. Kein Bagger, kein Feuer, keine Kettensäge… nichts… Sie werden langsam wahnsinnig. Der Vogel als erstes – er setzt sich einfach auf einen Ast und wippt vor und zurück. 346 Jahre lang. Dann die Maus ‒ nach 32 Jahren erbitterter Grundsatzdebatten mit der Katze faltet sie ihre Ohren zu einem Dreieck und behauptet, ein Segelboot zu sein. Dazu macht sie die passenden Geräusche. 314 Jahre lang. Zuletzt die Katze. Eine Weile noch machte es ihr Spaß, die Maus auf nautische Fehler hinzuweisen, die ein Segelboot nicht machen würde. Dann aber versucht sie, so viel wie möglich zu schlafen. Doch auch ihr Geist wird schwächer.
Dann die Rettung, sie beginnt, Stimmen zu hören. Erst ganz schwach, später stärker, jetzt glasklar:
– Also dieser Nationalpark ist toll. Schön, dass dieser Wald geschützt ist.
ENDE
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