Ist es noch möglich, Märchen zu schreiben?

Es war einmal ein kleines Dorf namens Steigheim am steilen Hang, hoch in den Bergen, dort, wo nur die Gesunden hinlaufen konnten. Nicht aufgrund eines Fluches oder einer Tradition, sondern ganz einfach, weil der Weg die Berge hinauf so schwierig war, dass sogar die Ziegen mehrfach überlegten, wo sie den Winter verbringen wollten. Es war auch das jüngste Dorf im Fürstentum Himmelskapp, weil wer nicht mehr so gut zu Fuße war, recht häufig den Berg hinabfiel. Das hatte so einige Auswirkungen auf das Dorfleben, da sie einerseits einen regen Nachschub an Bewohnern brauchten, und somit viele Feste abhielten, andererseits aber auch eher feurig und unerfahren im Charakter waren, da ihnen insgesamt die Jahre fehlten und einige der Klügsten den Berg hinabgefallen waren. Ihre Jugend machte sie zu hart arbeitenden Bauern und Hirten, daher sammelte sich über die Jahrhunderte ein bescheidener aber nicht zu verachtender Reichtum hoch am Berge, der viele Neider hervorbrachte.

Es geschah nun eines Tages, dass ein reisender Barde zuerst genau in jenes Dorf reiste und dann an den Hof des Fürsten von Himmelskapp. Der Fürst nämlich hielt ein Fest ab, um seine neue Allianz mit dem Fürsten des Nachbarstaates Breitgrundigen zu feiern, erpicht darauf, schon bald dem König die Stirn zu bieten und die Berge zu beherrschen, denn sie lagen zwischen zwei großen Imperien und wer die Maut der engen Pässe einheimste, dem war Reichtum und Macht beinahe sicher.

Zu später Stunde sang der Barde dann von Steigheim am Steilen Riss:

Breite Schädel, breite Füße, dem Himmel nah zum Gruße,

Steigheim am steilen Hang, voll jugendlichem Drang,

Frei und unbeschwert, hat sich der Macht erwehrt.

Des Fürsten neue Verbündete warfen sich einige vielsagende Blicke zu, konnte es sein, dass Himmelskapp nicht ganz dem Fürsten von Himmelskapp gehörte? Ein Affront, den der Fürst nicht auf sich sitzen lassen konnte, so wurde der Barde flink abgeführt und in den Fluss geworfen, während er versuchte, zu erklären, dass reimen nicht sonderlich einfach war, schon gar nicht, wenn man nur eine Nacht zu Fuß hatte, um sich auf einen neuen Auftritt vorzubereiten, da der Fürst doch sicher neue Lieder hören wollte! Wenig überraschend war, dass die Wachen des Fürsten weder die lyrische Erfahrung noch Geduld hatten, so wurde dem Fürsten dieser Umstand nicht zugetragen, sodass Letzter schon am nächsten Morgen sein Geleit unter den Berg führte.

Am ersten Tag wurden einige Soldaten den steilen Weg hinaufgeschickt, zu ihrem Unglück aber geschah es, dass an genau jenem Tag eine Ziege weiter oben stolperte und in die Reihe der Soldaten stürzte, die gezwungen waren, hintereinander zu laufen.

Am zweiten Tag schickte der Fürst seinen prächtigsten Soldaten, sehr erfahren in alpinen Dingen. Er hatte kein Problem, das Dorf zu erreichen, fand die Bauern in einem ihrer Feste vor, konnte nicht widerstehen und schloss sich ihnen an.

Am dritten Tag wartete man auf den Alpinisten vom zweiten Tag, der sich von nun an aus dieser Geschichte heraushielt und dessen Name darum auch nicht überliefert ist.

Am vierten Tag wurde ein Trebuchet errichtet und schleuderte genau ein Geschoss in die Höhe, löste einen Steinschlag aus und wurde mitsamt dem einzigen Ingenieur des Fürstentums begraben.

Am fünften Tag kamen neue Soldaten an, da dem Fürsten die Männer ausgingen.

Am sechsten Tag wurde der lokale Teufel vorstellig, alarmiert von den dutzenden neuen Seelen mit Steinwunden, die beim ihm in der Hölle den Dienst antreten mussten. Er argumentierte, dass seine Ziegenfüße das ideale Fortbewegungsmittel für den schmalen Pfad waren, was der Fürst sehr überzeugend fand. Er versprach, für eine kleine, später zu verhandelnde Gegenleistung eine Botschaft zu überbringen, das Dorf solle sich ergeben und seine Steuern nachzahlen und von nun an jedes Jahr drei Dutzend Mann für das Heer abstellen. Der Fürst, der sehr viel weniger Zeit und Soldaten für die Unterjochung eines Dorfs eingeplant hatte, willigte umgehend ein.

Geschwind machte sich der Teufel auf den Weg zum Gipfeldorf, wich einigen fallenden Ziegen aus und fand das Endstadium des aktuellen Festes vor, es war ein voller Erfolg gewesen. Ein wenig stolz war der Teufel ja schon, die Dorfbewohner waren tagsüber sicherlich tüchtige Bauern, abends aber eher auf seiner Seite. Die Ankunft eines roten Dämons mit Ziegenfüßen erregte schnell Aufmerksamkeit unter den verschlafenen Dorfbewohnern, so sammelten sie sich alsbald auf dem Dorfplatz. Der Teufel beschloss, dass diese tüchtige junge Menge genau seinem Beuteschema entsprach, und begann zu überlegen.

Zuerst überbrachte er seine Nachricht wie abgemacht und die Dorfbewohner reagierten gereizt, nicht nur wegen der Nachwirkungen des Festes, sondern auch weil sie nicht einsahen, Steuern zu zahlen, ohne in die öffentliche Verwaltung des Fürstentums eingebunden zu sein, schließlich hatten sie keine Straßen, keine Post und mussten sich selbst um ihre Sicherheit kümmern. Umgehend beschloss man, den Teufel zu verprügeln und des Dorfes zu verweisen, dem Teufel aber gelang es, einen Kompromiss vorzuschlagen, während er umringt auf dem Gipfelkreuz des Dorfes saß. Sollte der Fürst eine bequeme Treppe in den Pfad schlagen lassen, gälte dies als Teilhabe von Steigheim am Fürstentum und würde Steuern und Wehrdienst rechtfertigen. Die Dorfbewohner, die gelegentlich ins Tal mussten, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen, willigten murrend ein, um eine Belagerung zu vermeiden.

Mit dieser Botschaft machte sich der Teufel auf den Weg an den Fuß des hohen Berges und überbrachte den Kompromiss. Der Fürst war mittlerweile der Angelegenheit sehr müde geworden, der Wein neigte sich dem Ende, aufgeregte Briefe seines Hofes trafen ein, da der Barde recht beliebt gewesen war, und seine Berater hatten sich mit Bedenken geäußert, einen Vertrag mit dem Teufel einzugehen. Man stimmte überein, dass eine Treppe in den Felsen zu schlagen eine angemessene Lösung des Konfliktes sein würde, nur fand sich kein Ingenieur mehr. Wieder bot sich der Teufel an, erfahren im Bau, wenn auch eher spezialisiert auf Tunnel. Der Fürst erkundigte sich, was der Teufel hierfür wollte und der Teufel bot an, die Treppe in nur einer Nacht fertigzustellen, sofern alles, worauf auf diesem schmalen Pfad das Mondlicht fiel, seins werden würde. Der Fürst stimmte zu, da er sicherlich nicht beabsichtige, in seinem Alter und mit seiner Liebe zu Wein einen Fuß auf den Pfad zu setzen, schon gar nicht nachts.

Der Fürst reiste am selben Tag ab, zurück an den komfortablen Hof, der von nun an von Barden gemieden wurde. Der Teufel erfand die Serpentine und führte die Treppe so lange hin- und her den Hang entlang, dass sie niemals an einem Tag überwunden werden konnte, daher würden alle Dorfbewohner im Mondlicht baldigst seine tüchtigen Helfer werden.

Die Bewohner von Steigheim fanden am nächsten Morgen eine wunderbare Treppe vor und lernten bald, diese nachts zu meiden, da Vieh und einige Schäfer vermisst wurden. Wer losging, um an den Fuß des Berges zu gelangen, sah im Abendlicht noch die Hälfte der Strecke vor sich und verschwand danach. Die Steigheimer waren am Berg gefangen, komfortabel, aber gefangen. Jedoch wurde man nun älter im Dorf, da der Schwund der Fußlahmen sowie Kopfverletzungen durch Steinschlag deutlich zurückgingen, und es kam zu einem Anstieg der Weisheit im Bauerndorf, bevor das Fehlen genetischer Vielfalt Auswirkungen erzielen konnte. Nur eine Generation später schon band man abends Vieh an einen Pflock auf der Treppe an und beobachtete vom Dorf aus den Hang hinab. Sobald das Mondlicht auf das Vieh fiel, kam der Teufel und nahm es mit.

Die Dorfälteste, eine Melkerin, hatte nun die Idee, ein Schaf mit einer Decke zu überwerfen, um es vor dem Mondlicht zu schützen und als der Teufel erschien, fluchte er und nahm die Decke. Allerdings fiel nun das Mondlicht auf das Schaf, der Teufel zuckte mit den Achseln und nahm das Schaf mit. Nun versuchte man es mit einer Überdachung der Treppe, die aber jede Nacht wieder verschwand, der Teufel dankte für das gute Bauholz. Als nächstes probierte man es mit einem Spiegel, vor dem der Teufel einige Zeit stand, bis er ihn mitnahm, da er sich selbst bereits gehörte und den Plan nicht verstand. Dann wurde es mit einem Misthaufen probiert. Der Teufel erschien, hörte die Dorfbewohner von oben lachen, und nahm den Misthaufen mit in sein Reich. In der nächsten Nacht wurden alle Schuldbriefe auf die Treppe gelegt. Seines Wortes treu erschien der Teufel und war nun schwer verschuldet, wenn auch für Schuldeintreiber schwer zu erreichen.

Die Steigheimer und der Teufel befanden sich nun in einem Duell auf alle Ewigkeit ‒ die einen konnten den Berg nicht verlassen, der Andere war an sein Wort gebunden, jede Nacht ihren Kehricht mitzunehmen und hatte ernste Zweifel an seinem Verhandlungsgeschick.

Vom Rest des Fürstentums aus hatte der Fürst nach ein paar Wochen Stille einige Soldaten und Steuereintreiber geschickt, die allesamt auf der Treppe nach Steigheim übernachten mussten, da auch sie die Strecke an einem Tag nicht schaffen konnten. Zuerst verschwand ihr Zelt, und als das Mondlicht auf die verschlafene Gruppe fiel, fanden sie einen schwer enttäuschten Teufel vor, da dieser Militär- und Steuereintreiber so oder so bekommen würde, wenn auch etwas später. Ein paar weitere Späher verschwanden, bis der Fürst in den Krieg gegen den König zog, vom Pferd fiel und durch seinen Neffen ersetzt wurde. Das Dorf Steigheim, der Pakt mit dem Teufel und die Vereinbarung gerieten in Vergessenheit. Auch für die Dorfbewohner wurden Ereignisse zu Geschichten, Geschichten zu Hörensagen und Hörensagen zu Legenden. Alles, was beide Seiten wussten, war, dass die Welt an der sauberen Treppe endete.

Die menschliche Neugierde allerdings lässt sich nicht lange bändigen und viele Augen blickten die Treppe hinab und die Treppe hinauf, unwissend, dass sie am Fuße und an der Spitze des Berges dasselbe taten. Es fiel allerdings auch im Tal auf, dass die Treppe jeden Morgen fein säuberlich geputzt war, sodass man auch dort seinen Abfall loswurde, sehr zum Leid des Teufels, der mittlerweile sein Reich unter der Erde erweitern musste, um Platz für allerhand nutzlose und übelriechende Dinge zu schaffen. Die paar Seelen und Tiere waren es nicht wert, dennoch war er an sein Wort gebunden, da der Fürst, mit dem er die Vereinbarung getroffen hatte, schon lange bei ihm in der Hölle litt, also keine Seele mehr einlösen konnte.

Eines Tages aber lagerte eine Gruppe Gehilfen aus dem Tal auf Geheiß des Schmieds Schlacke ab. Sie hatten am Vortag stark getrunken und waren etwas verspätet, daher zog sich die Arbeit etwas in den Nachmittag, bevor sie sich auf den ersten Stufen ausruhten. Einer von ihnen schlief ein, was die anderen Gehilfen sehr witzig fanden, also beschlossen sie, ihn zur Hälfte auf den Stufen und zur Hälfte im Tal liegenzulassen. Der Gehilfe erwachte und erschrak nicht schlecht, als er einen grübelnden Teufel vorfand. Der Teufel hatte Anrecht auf einen halben Gehilfen, es war ihm aber untersagt, diesen zu halbieren, da der Teufel Seelen nur in Empfang nehmen konnte, das Sensen der Menschen unterlag einem Kollegen. Was er auch sagte, der Gehilfe bewegte sich nicht und überlebte so die Nacht. Der Teufel für seinen Teil sorgte sich um die Konsequenzen seines Wortbruchs, aber auch die Mächte, die der alten Welt ihre Ordnung verliehen hatten, fanden keine bessere Lösung.

Bald entwickelte sich unter den Junggesellen der Region die Mutprobe, zur Hälfte auf der Treppe zu nächtigen und dem Teufel in die Augen zu blicken, doch wer sich im Schlaf viel bewegte, lief Gefahr, in der Armee der Hölle aufzuwachen. Eines Tages fand sich ein junger Gelehrter, der seinen sozialen Status in der Fakultät erhöhen wollte, zum falschen Zeitpunkt auf der falschen Seite der Treppe wieder, da er sich schlaftrunken bequem auf eine Treppenstufe umpositioniert hatte. Als der Teufel erschien, siegte die Neugierde des Gelehrten über seine Angst und er fragte den Teufel, warum er jede Nacht die Treppe reinigte. Der Teufel, etwas beleidigt ob der Unterstellung, dass es um eine Reinigung der Treppe ging, erklärte die Regeln seiner Vereinbarung mit dem lang vergessenen Fürsten, woraufhin der Gelehrte dem Teufel erklärte, dass es, strenggenommen, kein Mondlicht gäbe, sondern nur vom Mond reflektiertes Sonnenlicht. Schon bald einigten sich der Gelehrte, der sein Leben noch eine Weile behalten wollte und der Teufel, der schon lange keine Lust auf die nächtliche Arbeit mehr hatte, dass die neusten Einsichten in die Struktur des Sonnensystems gültig waren. Die Treppe nach Steigheim war nunmehr einfach nur eine überflüssig lange Treppe ohne weitere Eigenschaften.

Als die ersten Abenteurer Steigheim erreichten, war die beiderseitige Freude groß, ebenso die Unterkiefer der Steigheimer. Als der nächste Fürst von den Steigheimern Steuern verlangte, geschahen erneut aufregende Dinge, nur der lokale Teufel hat sich seitdem nicht mehr blicken lassen, da er sich im weiteren Verlauf der menschlichen Geschichte nicht mehr aktiv um Seelen bemühen musste.

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