
In grauer Vorzeit – also in der Zeit vor der Zeit sozusagen – gab es mal ein Tal mit einem kleinen Bächlein, in dem sich ein paar frühe Menschen einfanden, um dort zu siedeln, Fische mit Speeren zu bewerfen und die lokale Mammutpopulation auszudünnen. Viele Generationen lang – und dabei müssen wir beachten, wie kurz eine Generation in diesen Zeiten war – siedelte man so friedlich vor sich hin, mal abgesehen von dem ein- oder anderen Säbelzahntiger oder Höhlenbär, der sich sein Abendessen aus der Siedlung holte, aber das war zu jenen Zeiten kein Grund für lange Gespräche.
Das Glück sollte allerdings nicht für immer anhalten, denn es geschahen nun zwei unglückliche Dinge in kurzer Folge: Zuerst wurde in unserem Tal die Mathematik erfunden, dann raffte eine Seuche die gesamte Siedlung restlos dahin. Glück im Unglück also, zwar lag nun eine ansehnliche Hüttensammlung brach, aber immerhin verzögerte sich die Einführung des Mathematikunterrichts um ein paar Tausend Jahre.
Es dauerte nicht allzu lange, bis sich in jenem fruchtbaren Tal eine neue Population unserer Vorfahren ansiedelte, und wieder aßen unsere Vorfahren die Vorfahren unserer Fauna, diesmal weniger Mammut und mehr Hirsch, da sich die Eiszeit ein wenig zurückgezogen hatte. Man wunderte sich ein wenig, dass das Tal schon mehr oder weniger für eine Siedlung vorbereitet war – mit begradigten Flächen für Felder und sogar einem runden Feld in der Mitte der Siedlung, in der die aktuellen Götter (damals lebten noch mehr) behuldigt werden konnten – aber da die zweite Population nichts von der Ersten wusste, lebte man wieder friedlich vor sich hin, in der gewohnten Geschwindigkeit der Generationen und der gewohnten Langsamkeit der Entwicklung, da sich in der Menschheitsgeschichte teilweise Jahrtausende wenig tat, als Innovationen misstrauisch beäugt wurden und kluge Köpfe an ihre Ideen zuerst an sich selbst ausprobieren mussten, was vor allem die Chirurgie und Biochemie vieler Vorreiter beraubte.
Nun aber begab es sich nach einiger Zeit, dass ein nahegelegener Stamm ebenfalls das fruchtbare Tal beäugte, und dieser Stamm hatte sich nicht nur anderen Götzen verpflichtet, sondern auch erlernt, Metalle in scharfe Gegenstände zu formen. Dies war dann auch bald stark zum Nachteil unserer zweiten Population, die ebenfalls restlos verlorenging, da im Eifer des Gefechts auch ein großer Brand entstand, der die nunmehr zweite Ansiedlung in die Schichten der Erde ebnete. Der daran schuldige Stamm allerdings konnte mit dem Tal wenig anfangen, da sie zwar in Hieb- und Stichdingen überlegen waren, aber nicht wussten, wie man einen Acker bestellte, da auch die Saat und das Getreide abgebrannt waren. Einige wanderten ins nächste Tal, andere verhungerten in einem überraschend harten Winter (die Hirsche hatten sich wegen des Lärms zuerst aus dem Acker gemacht) und das Tal stand wieder leer wie ein Ferienhaus in der Nebensaison.
Ein paar mildere Jahrzehnte später siedelte sich nun die dritte Gemeinschaft unserer Vorfahren im Tale an, hatte aber ebensowenig Glück wie die ersten beiden, da mildere Jahre nach einer Eiszeit eine Schmelze nach sich ziehen – zuerst kam der Schlamm den Berg hinab und dann trat der lokale Fluss, der nun schon seinen dritten Namen hatte, über seine Ufer. Beides in derselben Nacht, man glaubt es kaum, aber auch dies war keine Seltenheit in der langen Leidensgeschichte, die wir Menschheit nennen. Es dauerte nun wieder lange, bis der Wasserstand sank und der Fluss sich wieder besser benahm.
Eine ganz lange Zeit geschah nun wirklich nichts in unserem Tal, bis sich ein nahegelegener Stadtstaat in diesen Bereich ausdehnte, und es entstand eine Straße sowie ein kleines Gasthaus, in dem müde Reisende die Beine unter einfache Holzbänke strecken und ein bittersüßes Getränk genießen konnten. Leider aber breiteten sich zu dieser Zeit so einige Stadtstaaten aus, und diese waren sich nicht immer einig, zu wem nun welches Territorium gehörte, also traf man sich an einem milden Sommertag in just unserem Tal, um eine derartige Frage zu klären. Wer dort auf wen traf, ist weder überliefert noch von Bedeutung, wichtig ist nur, dass die eine Seite einen Befehlshaber hatte, der Pläne schmiedete, die andere Seite einen, dem solche Details nicht wichtig waren. Es sei wieder daran erinnert: Auch dies war nicht selten zu jenen Zeiten, es finden sich sogar sehr berühmte Anleitungen für Befehlshaber der zweiten Sorte. Jedenfalls, das Gasthaus fand sich leider in der Mitte der Auseinandersetzung wieder und brannte ab, beinahe schon aus Tradition.
Die einseitige Affäre war an einem Nachmittag erledigt und man fledderte was man konnte und ging nach Hause – es war nicht wichtig, was mit dem Tale getan wurde – es war nur wichtig, wem es gehörte. Wieder senkten sich Knochen in Schichten, die viel später mehreren Generationen von Archäologen und Archäologinnen mehrere Jahre beruflicher Sicherheit ermöglichten, da lange bezweifelt wurde, dass ein einziges Tal so viel Pech haben konnte.
Der siegreiche Stadtstaat ließ nun einige Höfe und Villen um sich herum erwachsen, also lebten in unserem Tal fortan Bedienstete unfreiwilliger Natur und bearbeiteten die Felder sowie die Wünsche derer, die in der Lotterie der Geburt eine bessere Nummer gezogen hatten. Eines Tages hinterfragte man kollektiv jene Lotterie und es entstand ein Aufstand, der sehr zum Nachteil der Lotteriegewinner seinen Auftakt fand. Man erkennt das an den Knochen, die zuerst sehr regelmäßig wachsen und dann plötzlich gar nicht mehr, so nebenbei bemerkt. Der siegreiche Stadtstaat konnte sich solche Fragen ob der Hierarchie nicht erlauben und entsendete zuerst eine lose Sammlung von Milizen, die überrascht feststellen mussten, wie ernst es dem Gegner war, und dann eine reguläre Armee, wonach die Aufständischen schockiert feststellen mussten, wie ernst es dem Stadtstaat mit dem Status Quo war.
Unser Tal hatte nun einen schlechten Ruf, es galt als schwer zu beherrschen, sodass sich dort nur diejenigen einfanden, die keine wirkliche Alternative hatten. Zudem war das Land bereits so oft verwüstet worden, dass es nicht mehr so beschaulich oder fruchtbar war, also war es dem Staate, der nun aus dem siegreichen Stadtstaat geworden war, nicht so wichtig, da die Erträge relativ gering waren, gut erkennbar an den dünnen Ziegen, die für ihr Mahl recht weit laufen mussten.
Der schlechte Ruf allerdings geriet in Vergessenheit, da die Verhältnisse zwischen Staaten zu jener Zeit eher ungeregelt verliefen, und es durchquerten viele Männer mit klappernden Schwertern und Lanzen unser Tal, manche sogar zu Pferde, was damals wieder ein Anzeichen für den Lotteriegewinn war. Es ging von Westen nach Osten und von Osten nach Westen, bis die Frage, wem die größere Region gehörte, zeitweise Klärung gefunden hatte.
Leider aber traf – lediglich ein paar Jahrhunderte später – ein Schiff aus einem fernen Land ein und brachte einen Gast mit, genauer gesagt sehr viele sehr kleine Gäste, die sich fröhlich im neuen und ungeschützten Land ausbreiteten und die lokale Bevölkerung niederlegten. Wer in der Stadt erkrankte, wurde in unser unglückliches Tal geschickt, wo nun von Innen auf Zelte gestarrt wurde, bis das Blinzeln stoppte. Dann kamen diejenigen, die nun wirklich keinen besseren Beruf finden konnten, und trugen die Starrenden ein wenig weiter, zum Verscharren im selben Tal.
Es setzte sich nun – auch nach dem Ende des aktuellen Siechtums – ein Brauch im Tale fest, wer krank war, ging ins Tal und kam entweder wieder oder eben nicht. Diejenigen, die ehemals keine andere Option hatten als im Tale zu arbeiten, wurden durch Vertreter einer bestimmten Sicht auf das Universum ersetzt, und ein Spital entstand, und dort wo man früher verscharrt hatte, verscharrte man erneut, nur machte man sich diesmal die Mühe, zumindest den Namen aufzuschreiben.
Zum großen Nachteil des Spitals war es aber, dass einige ihrer Vertreter die falschen Ansichten zum Universum hatten, sodass ein naheherrschender und leicht andersdenkender König befiehl, ihnen die Unterschiede zur Wahrheit deutlich zu machen. Die Spitaler verweigerten sich dem, und erneut hörte man Schreie im unglücklichen Tal, gefolgt von Scharrgeräuschen, und erneut brannte etwas ab.
Nicht allzu lange später wurde in den Bergen, die natürlich die gesamte Geschichte stumm und unbewegt mitangesehen hatten – denn ohne Berge kein Tal – ein wertvolles Gut gefunden, und nun ging es den Bergen an den Kragen, was aus Sicht des Tals fast schon gerecht war. Durchbohrt und entwaldet entschied der Berg eines Frühlings, keine Lust mehr zu haben und lies die Schultern sacken, was die frühe Industrie im Tale deutlich zerkleinerte, mitsamt der angesiedelten Hände, die den Berg so durchstochen hatten.
Wiederum nicht viel später – die Geschwindigkeit aller Dinge hatte sich deutlich erhöht – war das wertvolle Gut auf einmal recht wertlos, und wurde sogar scherzhaft als Ersatz für Geschenke an Weihnachten gesehen, da das Rad der Zeit nun anderweitig betrieben wurde. Im Tal kehrte nun Ruhe ein, eine Straße führte den Fluss entlang und sowohl Straße als auch Fluss wurden immer wieder begradigt und die Geschwindigkeit der Reisenden sowohl des Flusses nahmen zu. Der ein- oder andere Flussdampfer schlug Leck im Fluss, und wer nicht schwimmen konnte, wurde auch permanenter Bewohner des Tals, aber auch dies war zu jenen Zeiten kaum mehr als ein paar Tage Gespräch wert.
Schritt für Schritt verlagerte sich aber das Interesse der umliegenden Gemeinden, sodass sowohl Straße als auch Fluss einen eher natürlicheren Verlauf fanden und an Priorität verloren. Zuerst zogen die Jungen weg, aber irgendwann war das Tal so unterversorgt, dass selbst die Alten wegzogen, da Infrastruktur Altersvorsorge ist.
Heute kann man in unserem Tal schön wandern und hier und da flitzt ein Reh oder huhut eine Eule im dunklen Wald, und schreien ist eher verpönt. Auch hat schon lange kein Gebäude mehr gebrannt und Meinungsverschiedenheiten werden leise am Lagerfeuer besprochen. Gelegentlich findet der Wanderer ein Stück Metall und fragt sich, was für einen Zweck es wohl gehabt haben könnte, oder man erspäht eine eher künstlich wirkende Erhöhung am Fluss und diskutiert, ob dies mal wichtig für wen war, aber das Gros dessen, was im Tal vonstattenging, wissen nur die Berge, die nach wie vor stumm glotzen.
Das Problem an dieser Geschichte ist, dass dieses Tal kein besonderes Tal ist. Wo auch immer man auf dieser Welt hintritt, man tritt auf die Taten und Knochen der Vorangegangenen, ganz wenige, nie besiedelte Gegenden mal ausgeschlossen. Und es ist jederzeit möglich, dass die Ruhe im Tal wieder unschön gestört wird, es sei denn, der Mensch entscheidet so insgesamt, mehr nachzudenken.
Den Bergen ist es egal, ob der Mensch das tun wird, aber die Berge haben auch eine andere Perspektive auf das Treiben im Tal, ganz zu schweigen von den Planeten, die wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt haben, dass da was war.
Nur leider sind wir die Talbewohner, nicht die Berge, auch wenn so Einige sich für Berge halten.
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